Die Chemotherapie

Nachdem denn nun feststand, dass der Knoten in meiner Brust mir nichts Gutes tun würde, musste erst einmal ein Behandlungsplan aufgestellt werden. Es wurde ein Röntgenbild von meinem kompletten Skelett erstellt und ich durfte einige Röhren von innen sehen. Manchmal mit Infusionen die mich zum Leuchten bringen sollten, manchmal ohne. Röhren waren aber irgendwie immer involviert, Nadeln sollten auch jede Menge in mich reingepiekst werden und natürlich stand ich ziemlich oft halb nackig in kalten Räumen rum. Alles im Allem muss ich sagen, dass die ganzen Untersuchungen natürlich durchaus eine Herausforderung waren, aber im Nachhinein waren sie dann doch gar nicht so schlimm oder sagen wir mal „machbar“. Wirklich anstrengend hingegen war, dass zwar niemand klar gesagt hatte, wieso ich all dies über mich ergehen lassen musste, aber irgendwie weiß man dann doch worum es geht: Metastasen. Meine Ärzte haben es anders formuliert „Wir müssen herausfinden welche Therapie für Sie die Beste ist“. Aber im Endeffekt hat sich alles darum gedreht, ob der Krebs denn nun gestreut hat oder nicht. Natürlich wusste ich das auch aber für mich und mein Wohlbefinden, war es um einiges angenehmer, dass diese Info niemals so ausgesprochen worden ist und ich das somit irgendwie verdrängen konnte. Zumindest habe ich alles gegeben um dies erfolgreich zu tun. Nach ungefähr 3 Wochen, und unzähligen Menschen, die meine Brüste in Augenschein nehmen mussten, dann die erlösende Nachricht, der Tumor hatte nicht gestreut und endlich sollte die Behandlung dann auch schnellstmöglich losgehen. Klingt vielleicht merkwürdig, aber ich glaube in diesem Stadium freuen sich fast alle Betroffenen, wenn endlich Gewissheit herrscht und der Tumor aktiv bekämpft werden kann. In meinem Fall, sah das ganze wie folgt aus: Zunächst sollte ich über 3 Monate eine sehr starke Chemotherapie (3 unterschiedliche Medikamente, jeweils 3mal im Abstand von 2 Wochen)  bekommen. Diese sollte den Tumor sowie die befallenen Lymphknoten einschrumpfen, damit später möglichst brusterhaltend operiert werden kann. Anschließend war dann noch eine Bestrahlung geplant, aber zunächst hieß es erst einmal

„Chemo – Los geht’s!“

Einen Tag vor meiner ersten Therapie habe ich einen Port bekommen (eine kleine Kammer, die unter die Haut gelegt wird, von der aus eine winzige Verbindung in eine Vene gelegt wird, damit man nicht immer einen Zugang gelegt bekommen muss) und dann ging es auch schon los.

Jeder hat wahrscheinlich so seine Vorstellungen von einer Chemotherapie, ich natürlich auch… und doch war es ganz anders. Zu viert sitzt man in einem Raum in recht bequemen Sesseln, die man auch ausklappen kann. So eine Chemo-Sitzung kann gerne mal bis zu 6 Stunden dauern und die Zeit wird ganz schön lang, von daher war es durchaus auch ganz angenehm die Füße mal ausstrecken zu können. Damit man nicht auskühlt und sich einigermaßen gut aufgehoben fühlt, gibt es Decken, so dass man es sich recht gemütlich machen kann. Gemütlich ist vielleicht das falsche Wort aber naja den Umständen entsprechend halt. Es half ja eh alles nichts, das Zeug musste irgendwie in mich rein und dabei konnte ich es dann auch so bequem wie möglich haben.

Das erste Medikament – 1x Campari-O bitte

Zu meiner ersten Chemo hat mich meine Freundin Nicole begleitet. Sie war ja auch bei dem Diagnosegespräch dabei und hatte quasi schon irgendwie Erfahrung mit der ganzen Situation. Für mich war es schön, nicht allein zu sein und ich habe mich nicht ganz so verloren gefühlt. Das Aufklärungsgespräch ein paar Tage zuvor hatte mich dann doch etwas nervös gemacht. Mir war ja durchaus bewusst, dass eine Chemotherapie kein Spaziergang ist, aber manche von den Nebenwirkungen haben mich dann doch überrascht und erschreckt. Am faszinierendsten fand ich das sog. „Chemobrain“. Den Ausdruck gibt es wirklich und es bedeutet einfach nur, dass man sich nicht mehr viele Dinge merken kann und Konzentration zum Fremdwort wird. Machste nix. Die Ärztinnen und Schwestern in der “ambulanten Chemotherapie” waren sehr lieb, haben mir alles genau erklärt und dann war es soweit, mein frisch gelegter Port sollte also das erste Mal genutzt werden. Los ging es aber zunächst mit einem Medikament, das die unerfreulichen Nebenwirkungen verringern sollte. Wenn man da näher drüber nachdenkt, ist das schon arg schräg, aber gut – es hilft ja. Ich hatte also noch etwas Zeit mich an den Gedanken zu gewöhnen und damit anzufreunden, dass gleich eine ziemliche „fiese Mischung“ in meinen Körper fließen sollte. In meinem Fall handelte es sich hierbei um ein quietschrotes Medikament, welches gerne mal für Übelkeit und Erbrechen sorgen sollte und mich von der Farbe her irgendwie an Campari-Orangensaft erinnerte. Den kann ich bis heute übrigens nicht mehr trinken, dieses rötlich-orangene Gesöff löst ein leichtes Unbehagen in mir aus.

Nach gut 4 Stunden war dann die erste Chemo drin und ich durfte nach Hause. Mir ging es soweit auch ganz gut. Ich fühlte mich irgendwie als wenn ich leicht einen sitzen hatte und war ordentlich beduselt. Das Herz klopft und schnelle Bewegungen waren nicht so gut aber auf die angekündigte Übelkeit habe ich umsonst gewartet. Was ich jetzt aber auch nicht als allzu schlimm empfunden habe. Den Satz “Jeder Mensch reagiert anders” habe ich in der ganzen Zeit unglaublich oft gehört und naja so ist es eben auch. Das erste Medikament habe ich recht entspannt weggesteckt, einigen meiner Mitpatientinnen ging es da ganz anders. Bei mir war es so, dass 2 Tage nach der Chemo die Nebenwirkungen losgingen, die im ersten Zyklus wie gesagt recht harmlos waren. Mein Kreislauf war etwas durch den Wind, ich war müde und musste mir gelegentlich einen Tritt verpassen um eine Runde durch den Park zu spazieren. In der zweiten Woche konnte ich dann mit meiner Trainerin Leonie wieder leicht sporteln. Bäume habe ich natürlich nicht ausgerissen und der Fokus lag eher auf Kraft- als auf Ausdauertraining. Aber es ging und es hat mir unglaublich gut getan mich an der frischen Luft zu bewegen. Wenn mir schwindelig wurde, habe ich mich kurz hingelegt und die Beine hochgestreckt und weiter ging es. Joggen oder andere Ausdauersportarten gingen allerdings gar nicht mehr. Meine Kondition habe ich schnell verloren und mein Kreislauf hat mir ganz klar “Nöö” gesagt. So musste ich also den ganzen Joggern im Park mit großen traurigen Augen hinterher schauen. Das hat manchmal ganz schön an meinem Ego gekratzt. Schließlich hatte ich mich doch grad so tapfer in Form gesportelt und mit einem Schlag sollte das alles aufhören?! Geduld gehört nicht unbedingt zu meinen Stärken. Aber es half alles nichts, ich musste wohl akzeptieren, dass ich Burpees gegen leichte Dehnübungen oder Spaziergänge eintauschen musste. Langsam gewöhnte ich mich daran und so wurden dann das Training mit Leonie in der “guten Woche” zu einem echt wichtigen Lebensinhalt, der mir auf wunderbare Weise durch die schlechte Woche geholfen hat, mein Licht am Ende des Tunnels quasi. Die Zeit in der ich einfach ich selbst sein konnte. Für den Moment habe ich all das Drama um mich herum vergessen können und war ganz bei mir. Die Bewegung an der frischen Luft hat mir unglaublich gut getan und mir viel Kraft und Energie gegeben. Kurz gesagt, sie hat mir mein Lachen erhalten. Abgesehen davon, hat die frische Luft noch andere durchaus angenehme Vorteile. Sie stärkt u.a. das Immunsystem und die Schleimhäute, beides ist durch die Chemo sehr stark geschädigt. Es kann also nicht schaden, hier unterstützend zu wirken. Klar muss man aufpassen, was den Dreck usw. angeht, aber wer greift schon freiwillig gerne in einen Haufen Dreck?

Sport Chemo

Das zweite Medikament – der Endgegner

Nach 6 Wochen hatte ich mich soweit eingependelt und eigentlich war ich sogar mit allem soweit im grünen Bereich. Aber dann kam er, mein persönlicher Endgegner “Taxol”. Die Nebenwirkungen waren hier weniger angenehm und ging es mir bei dem ersten Medikament noch recht gut, so habe ich hier dann gleich mal alles mitgenommen. Knochen- und Gelenkschmerzen, taube Finger und Füße (sog. Polyneuropathien), Wassereinlagerungen, Müdigkeit und Schmerzen, ganz viele Schmerzen… Nach dem ersten Mal, habe ich noch versucht die Zeit mit Quarkwickeln, meiner Faszienrolle und einem Igelball zu überstehen. Um ehrlich zu sein, hat das mehr schlecht als recht funktioniert aber irgendwie wollte ich das so. Bewegung hilft zwar gegen die Knochenschmerzen ein wenig aber nach dem zweiten Mal, musste ich aufgeben und so habe ich mich dann in der Woche nach der Chemo dem hemmungslosen Schmerzmittelkonsum hingegeben, leider mit nur sehr mäßigem Erfolg. Hier war Durchhalten angesagt! Zum Glück gab es immer auch die gute Woche, in der ich mich “nur” steif gefühlt habe aber schmerzfrei war, dass ich wieder zu meinem heißgeliebten Training konnte. In dieser Zeit habe ich mir immer wieder gesagt, dass alles was mir weh tut, auch dem Tumor weh tut und dass die Chemo mein Freund ist. Manchmal konnte ich tagelang nichts anderes denken, ich habe viel geweint und manchmal sind ein paar Dinge aus Wut und Hilflosigkeit an die Wand geflogen. Ohne meinen Freund und meinen Mädels, die nicht müde wurden mir jeden Tag Mut zu machen, wäre ich verloren gewesen! Ich bin unendlich dankbar so wundervolle Menschen um mich zu haben, die mich in dieser Zeit begleitet haben. Sie haben mir Mut gemacht, wenn ich nicht mehr konnte und haben mir geholfen, die kleinen Dinge zu sehen. Oh man und diese schönen kleinen Dinge waren manchmal echt verdammt klein!

Aber zum Glück war auch dieses zweite Medikament irgendwann überstanden und das Letzte sollte dann “nur” mein Immunsystem extrem schwächen und ich musste mich noch mehr als sonst vor den vielen umherfliegenden Viren schützen. Nach dem ersten Mal ist mir das auch direkt so gar nicht gelungen und ich habe die erstbeste Erkältung mitgenommen. 38,7 Grad Fieber, was bedeutet: Ab ins Krankenhaus! 7 Tage dreimal täglich zwei Antibiotíka über den Port. Oh man, das brauchte ich ja nun wirklich überhaupt gar nich. Aber auch diese Zeit ging vorbei und abgesehen von einer gewissen “Keim-Phobie” habe ich sie gut überstanden. Die nächsten 2 Zyklen habe ich mich dann zuhause eingeschlossen und gut hinter mich gebracht. Endlich war es dann soweit: Die letzte Chemo! Gefolgt von der unglaublichen Nachricht, dass der Lymphknoten wieder auf normale Größe geschrumpft ist und der Tumor auf dem Ultraschall nicht mehr zu sehen ist. Ein erster Erfolg auf der ganzen Linie, die OP konnte also kommen…

 

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