Der lange Weg zurück ins Leben

Da saß ich nun also mit meinem Strumpf und einem einfach nicht aufhören wollenden Piepen im Ohr. Hier war auch sehr schnell klar, dass es keinen körperlichen Grund für das Piepen gibt und mir wurde angeraten einfach mal zu entspannen. Ja geil, gar kein Problem, könnte das bitte auch mal jemand meinem Kopf sagen?! Der war der festen Überzeugung, dass ich trotzdem so schnell wie möglich wieder arbeiten müsste. Schließlich war das die ganze Zeit mein Ziel. “Gesund werden und zurück ins alte Leben”. Und so kam es, dass ich Anfang Januar bei meiner Frauenärztin saß und auf die Frage, ob ich wirklich schon mit der Wiedereingliederung starten wollte, antwortete “Naja 6 Monate Füße in den Sand wären mir lieber aber es hilft ja nichts!” Meine Wiedereingliederung wurde also für Mitte Februar geplant; sie dauerte 6 Wochen und die Stunden wurden im 2-Wochen-Rhythmus von 2 täglich über 4 auf 6 erhöht. Das war meine eigene Entscheidung, ich dachte, es würde so gehen und habe meine Beschwerden nicht ernst genommen aber spätestens bei den 6 Stunden täglich merkte ich dann, dass sich das nicht gut anfühlt aber mein Kopf sagte mir weiterhin “es hilft nichts, ich muss ja arbeiten”. Mein Piepen im Ohr wurde immer lauter, es kamen noch Schwindelgefühle hinzu, mein Bein tat wieder mehr weh und außer arbeiten, essen und schlafen habe ich in der Zeit nichts gemacht. Es ging einfach nicht mehr aber mein Kopf war immer noch der Meinung, dass das völlig normal und vor allen Dingen “gut” ist.

Dieser eine kleine Moment wenn Du weißt, es geht nicht mehr weiter

Irgendwann Mitte Mai lief das Fass dann über und ich stand 10 Minuten nachdem ich morgens meinen Rechner hochgefahren und wieder einmal 60 neue Emails über Nacht bekommen hatte, Tränen überströmt in der Personalabteilung und habe erklärt, dass ich einfach nicht mehr könne und jetzt nach Hause ginge. Die Damen war sehr lieb und verständnisvoll und gaben mir viele liebe Wünsche und ein recht gutes Gefühl mit auf meinem Weg. Irgendwie ist es ja nun mal so, wenn ich entscheide arbeiten zu gehen, muss ich halt auch arbeiten. Wer krank ist, bleibt zu Hause und solange ich mir selbst nicht den Respekt gebe und zu Hause bleibe, kann ich den Respekt und das Verständnis ja nun auch irgendwie nicht von anderen Menschen erwarten. Zu dem Zeitpunkt habe ich das aber einfach nicht verstanden, mir war nicht klar, dass ICH mir selbst dieses Verständnis zuallererst hätte geben müssen. Ich wollte arbeiten und gesund sein und so schlaue Worte wie Selbstfürsorge und Selbstliebe waren mir irgendwie fremd, sonst wäre ich ganz sicher nicht so schnell wiedereingestiegen und hätte mir einfach die Zeit zum gesundwerden gegönnt. Aber hätte hätte – Fahrradkette. Damals wusste ich all das nicht und so fand ich mich recht schnell bei einer Psychiaterin wieder, die mir eine schwere depressive Episode mit Panikattacken attestierte. Meine Tage bestanden aus Ängsten, vielen Tränen und eben diesen Panikattacken, die mich aus den merkwürdigsten Gründen ereilten. Schon geschlossene Blumenläden an Muttertag haben diesen Angstknoten tief in meinem Bauch entstehen lassen, meine Atmung wurde flach und schnell und die Tränen liefen wie von selbst aus meinen Augen. Ich hatte das Gefühl, dass selbst die kleinsten Steinchen in meinem Weg mich zum aufgeben zwingen wollten, dass alles gegen mich ist und jedes Zwicken in meinem Körper bedeutete nur, dass der Krebs zurück ist. Das stille Sitzen im Büro war Gift für mich und meinen Körper und als ich tränenüberströmt in der Personalabteilung stand, habe ich dann wohl endlich auf meinen Körper gehört. Er wollte mir schon so unendlich lange etwas sagen, aber mein Kopf hat ihn ignoriert und nicht für voll genommen. So hatte ich es eben immer gelernt, man muss funktionieren. Aber an diesem einen Tag konnte ich nicht mehr funktionieren. Meine Kräfte waren bis auf den letzten Tropfen aufgebraucht und kein Nachschub war in Sicht.

Unten angekommen

Nachdem ich dann also auf dem Boden meines Unglücks angekommen war und mich alles in Tränen ausbrechen ließ, habe ich mich an meine Pilates-Stunden in der Reha erinnert. Anfang des Jahres habe ich mir ein Yogastudio bei mir um die Ecke gesucht (mein Ohrenarzt hatte mir Yoga wärmstens ans Herz gelegt) und hier gab es auch Pilates-Kurse, Mittwochmorgens sollte meine Zeit sein. Da sich mit meinen Panikattacken auch eine gewisse Angst vor Menschen bzw. große Probleme mit zwischenmenschlichen Kontakten eingestellt hatte, war ich froh, dass sich hier nur 4 Damen trafen und ich mich recht entspannt zu ihnen gesellen konnte. Zum ersten Mal seit langer Zeit stand nicht der Krebs im Vordergrund und ich habe es genossen mir jeden Mittwoch ein kleines Stück meines Lebens zurückzuerobern. Nach und nach habe ich dann noch eine Therapeutin und Ergo-Therapeutin gefunden und bin zum Bootcamp morgens bei mir im Park gegangen. Ganz langsam wurde mir klar, dass ich den Respekt für mich und meine Krankheit nicht von meinen Mitmenschen erwarten konnte, solange ich nicht bereit war mir diesen Respekt selbst zu geben. Ich musste Frieden mit mir finden und vor allen Dingen mit dem Krebs. So habe ich also angefangen mich beim Pilates bei mir selbst zu bedanken. Gut, der Gedanke kam ehrlich gesagt nicht von mir sondern von meiner Yogalehrerin und ich gebe zu, dass ich mich geschämt habe, dass ich noch nie selbst auf den Gedanken gekommen bin. Aber so war es, irgendwie habe ich mich immer um meine Mitmenschen gekümmert, hatte viel Verständnis und kluge Ratschläge. Nur mit mir selbst war ich nicht ansatzweise so rücksichtsvoll oder geduldig. Ganz im Gegenteil, ich war schnell von mir genervt wenn Dinge nicht so gut geklappt haben und meine Genesung wieder einmal schleichend langsam voranging. Manchmal hatte ich Angst, dass es einfach so bleiben würde. Schließlich konnte mir keiner sagen, wann das endlich aufhören wird und ich habe mir dann auch mal die Frage gestellt „Wieso eigentlich ich? Reicht der Krebs denn nicht“. Während meiner Krebserkrankung habe ich mir hierüber nie Gedanken gemacht aber jetzt, wo es „nur“ um einen Tinitus und eine Thrombose geht, da fange ich mit sowas an. Das ständige Piepen zermürbt einen zusätzlich und irgendwann kann man die ganzen Ratschläge auch nicht mehr hören. Irgendwie ist eine Depression auch so schwierig zu erklären. Oft habe ich Sätze gehört wie „Ach, aber der Krebs ist doch weg oder?“ oder „Hauptsache der Krebs ist weg!“ Natürlich stimmt das und darüber freue ich mich jeden Tag. Nur leider hat mir der Krebs ein paar kleine Herausforderungen dagelassen. Sie haben mich einmal komplett umgeworfen, durchgekaut und wieder ausgespuckt aber… nicht mit mir.

Life is beautiful even if it sucks!

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An meinem Geburtstag im Dezember waren wir auf Langeoog. Mein linkes Bein hat wie die Hölle weh getan wenn wir länger gelaufen sind. Aber mein rechtes ging klar. 🙂

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