Die Strahlentherapie – Schön ist anders

Während meiner Chemo wurde mir immer gesagt, dass diese das Schlimmste wäre und wenn sie geschafft ist, dann ist alles nicht mehr so schlimm. Für mich hat sich das aber irgendwie ganz anders angefühlt. Natürlich gilt auch hier wieder, dass jeder Mensch das anders empfindet und nur weil ich das so empfunden habe, heißt es nicht, dass alle Betroffenen das so sehen. Im Gegenteil, mein Eindruck war eher, dass die meisten Frauen die Chemo doch als sehr viel anstrengender empfunden haben. Aber wie gesagt… jeder Jeck is anders.

Nachdem ich Anfang September 2016 erfolgreich und mit viel Spaß und Freude an dem Muddy Angel Run teilgenommen habe, hatte ich grundsätzlich das Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein und nichts sollte mich mehr davon abhalten bald mit Vollgas in mein altes Leben zurückzukehren. Dachte ich mir so. Dabei hatte ich wieder einmal nicht berücksichtigt, dass ich nun aber nicht mehr ganz die Alte war. Wie so manch andere auch, ließ auch diese Erkenntnis noch durchaus lange auf sich warten. Zunächst einmal war ich guter Dinge und wollte die Bestrahlung schnellmöglich hinter mich bringen. In meinem Kopf hatte ich mir überlegt, dass ich ja auch schon mal vorsichtig wieder mit dem joggen anfangen oder zumindest mal mit dem Rad zum Strahleninstitut fahren könnte.

Sind wir denn hier auf der Enterprise oder wie?

Ende September ging es dann los. Als ich das erste Mal in dem Strahleninstitut war, kam ich mir direkt ein wenig verloren vor. Wieder musste ich in eine Röhre und meine Brust wurde mit diversen Zeichen versehen, damit ich auch später entsprechend richtig auf dem Tisch lag und nicht aus Versehen ein paar Zentimeter zu weit rechts bestrahlt wird. Die Vorstellung fand ich auch selbst ziemlich uncool also habe ich mich bereitwillig in die Röhre gelegt und bemalen lassen.

Die Bestrahlung selbst dauerte nur wenige Minuten aber es ist ein besonders schräges Gefühl halb nackt auf einem Tisch zu liegen während ein großes Gerät um einen herum fährt, komische Geräusche macht und man sich selbst nicht bewegen darf. Wenn es die richtige Position erreicht hat, ertönt ein lautes Hupen, eine rote Lampe leuchtet auf und mein ganzer Körper schrie laut „Bloß weg hier!“. Konnte man ihm ja auch nicht verdenken, schließlich erinnerte das Hupen und die rote Lampe auch eher an „Alarmstufe Rot“ auf der Enterprise. Wären Klingonen durch die Tür gestürmt, ich hätte wahrscheinlich nicht mit der nicht vorhandenen Augenbraue gezuckt. Aber anstatt wegzulaufen, musste ich ganz ruhig auf dem Tisch liegen bleiben und möglichst jede Bewegung vermeiden. Kennt ihr das, man darf sich nicht bewegen und ausgerechnet dann fängt die Nase an zu jucken oder man muss husten? So ging es mir jeden Tag wenn die rote Lampe blinkte. Ich hatte also richtig Spaß an der Sache und weil mir auch partout niemand ein Lächeln schenken wollte, entwickelte sich schnell ein gewisser Widerwillen.

 Jeden Tag musste ich mich nun auf die Enterprise beamen lassen und dort einige Minuten bewegungslos verharren. Mein Körper wurde immer müder und müder. An Sport war schon nach ein paar Tagen nicht mehr zu denken. Die ersten 2 Wochen bin ich jeden Tag tapfer mit dem Fahrrad in die Strahlenklinik geradelt aber auch damit war schon bald Schluss und es hat mich unheimlich viel Kraft gekostet morgens überhaupt aufzustehen. Die Tatsache, dass ich mich nicht einmal zu Spaziergängen aufraffen konnte, hat mich nur noch weiter in meine Unzufriedenheit reingezogen. Es hatten doch alle gesagt, dass die Bestrahlung im Vergleich zur Chemo harmlos war. Was stimmte also nicht mit mir, dass ich sie als so anstrengend und einfach nur ätzend empfunden habe? Während dieser Zeit habe ich viel geweint, ich hatte Angst, dass ich nie wieder lachen könnte und alles was mir Spaß gemacht hatte, nicht mehr möglich wäre. Hinzu kam noch, dass man während der Bestrahlung nur sehr eingeschränkt duschen darf. An die zu bestrahlenden Körperstellen sollte möglich kein Wasser kommen und auf gar keinen Fall Seife. Die Haut wurde aber immer trockener und trockener und eine Stelle an meinem Schlüsselbein sah zum Ende der Zeit aus wie ein knuspriges Brathähnchen. Ganz unangenehme Sache! Immerhin durfte ich dann endlich mal eine Salbe auftragen, aber bis heute sieht man noch diese Stelle. Sie ist ein wenig dunkler als der Rest. Mittlerweile mag ich aber diese Stelle und auch meine Narben irgendwie gern. Ich hab sie lieb gewonnen weil sie zu mir und meiner Geschichte gehören und sie haben mir die unglaubliche Möglichkeit gegeben mein Leben nach meinen ganz eigenen Wünschen einzurichten. Ohne die Bedenken anderer Menschen. Sie haben mich mutiger gemacht. Dafür bin ich sehr dankbar und stolz auf meine kleinen sog. Makel. Makel empfinde ich heute übrigens als ein ganz schreckliches Wort. Was sind Makel? Sind sie es nicht, die uns einzigartig und wunderschön machen?! Schon mal drüber nachgedacht?

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s