Tinitus und Thrombose – Nehm ich auch noch

Als die Bestrahlung dann endlich hinter mir lag, ging es los mit der Planung der Anschlußheilbehandlung, zu der mir alle anrieten. Eine Klinik sollte ganz besonders toll und auf junge Frauen ausgerichtet sein und weil ich noch nie wirklich in den Bergen war, habe ich mich gegen meinen Bauch (der wollte verzweifelt an die See) entschieden. Ende Oktober ging es also los, ein leichtes Rauschen in meinem rechten Ohr habe ich tapfer ignoriert und so habe ich mich dann recht schnell in einem lauten Frühstückssaal wiedergefunden und aus dem Rauschen wurde zunächst einmal ganz langsam ein unerbitterliches Piepen und ein naja ich nenne es mal “unangenehmes Gefühl in lauten Räumen”. Ich konnte mich auf einmal so schlecht auf die einzelnen Stimmen konzentrieren und war gelegentlich überfordert aber hey ich war in der Reha und hier sollte doch alles besser werden. Der Fokus lag ganz klar auf der Wiederherstellung meiner Ausdauer bzw. meiner sportlichen Leistungen. Freie Fahrt voraus sozusagen. Die erste Woche habe ich meistens spazierend in den Bergen und auf dem Cardiometer verbracht und in der Tat haben sich schnell Erfolge eingestellt. Hier habe ich das erste Mal an einer Pilates-Stunde teilgenommen und mich direkt verliebt in diese Sportart. Kontrollierte Bewegungen aus der puren Bauchkraft heraus. Großartig! Es lief und wieder einmal wäre es schön gewesen, wenn es so weitergegangen wäre…

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Glücklicherweise habe ich vier wunderbare Frauen kennengelernt, so dass mein Heimweh sich auch mehr oder weniger in Grenzen hielt. Zumindest war ich so gut beschäftigt, dass ich nicht ständig an zuhause denken musste. Nach einer Woche war ich also soweit ganz zufrieden und als mein Bein auf einmal angefangen hat zu Schmerzen, habe ich dies zuerst nicht wirklich wahrgenommen. Als der Schmerz aber am nächsten Tag immer noch da war und sich sogar so verschlimmert hatte, dass ich nicht mehr stehen konnte ohne Schmerzen, bin ich dann doch mal zu den Schwestern gegangen. Ein Arzt schaute sich mein linkes Bein an und meinte, dass es sicherlich nur eine Muskelzerrung und keine Thrombose sei. Mein Hinweis, dass ich durchaus wüsste wie sich eine Muskelzerrung anfühlt und sich dies eben nicht danach anfühlen würde, wurde fachmännisch ignoriert und ich sollte mein Bein mal mit Voltaren einwickeln und zur Not Schmerzmittel nehmen. Tja was soll ich sagen, der Krebs macht viel mit einem und irgendwie nimmt er einem auch sein Selbstbewusstsein und so schlich ich leicht frustriert wieder auf mein Zimmer. Die nächsten 5 Tage bin ich jeden einzelnen Tag wieder bei den Schwestern aufgetaucht und habe über starke Schmerzen geklagt, so stark, dass ich schon bald nicht mehr an den täglichen Anwendungen teilnehmen konnte und daher lieber nach Hause wollte. Schließlich lag ich den ganzen Tag alleine auf meinem Bett, das konnte ich auch zu Hause und da hätte ich Menschen, die sich um mich kümmern würden. Zunächst wurde mir hier mit großem Unverständnis entgegnet, aber als ich dann mit gepackten Koffern vor der Leitung stand, ging alles dann doch ganz schnell und schwups habe ich einen Tag in dem nächstgelegenen Krankenhaus verbracht, mich mit merkwürdigen Ärzten rumgeschlagen und am Ende des Tages dann die Gewissheit: 3 Etagenthrombose im linken Bein. Ab jetzt dann bitte 6 Monate Blutverdünner nehmen und einen Kompressionsstrumpf bis zur Hüfte tragen. Herzlichen Glückwunsch! Hatte der Arzt ganz am Anfang nicht genau das ausgeschlossen?! Aber gut, es half alles nichts und irgendwie war ich fast erleichtert, dass es jetzt endlich eine Erklärung für meine Schmerzen gab. In meinem Kopf hatten sich zwischenzeitlich schon die abstrusesten Theorien gebildet und da war die Thrombose definitiv die harmlosere Variante. Trotzdem habe ich viel geweint und war schrecklich hoffnungslos und depressiv. Immerhin durfte ich 3 Tage später mit dem Zug nach Hause fahren. Ich war überglücklich als ich endlich unter dem Dom dem Mann in die Arme fallen durfte. Kennt ihr dieses Gefühl, wenn man weiß, dass man zu Hause ist? Bei mir stellt sich das schlagartig ein, wenn der Mann seine Arme um mich schlängelt und ich sein Herz hören kann. Die totale Entspannung und ich weiß, dass alles gut wird.

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