Embrace

Eigentlich sollte mein nächster Beitrag etwas über positives Mindset usw. werden aber irgendwie hat sich da heute etwas dazwischengeschoben, was ich gerne mit Euch teilen möchte. Aber keine Sorge, das Thema Mindset liegt mir auch am Herzen und aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben.

Dank dem Sturmtief Frederike sieht mein heutiger Tag etwas anders aus als geplant. Gut, ist jetzt nicht so als wenn ich nicht mittlerweile daran gewöhnt bin, dass sich Pläne in meinem Leben irgendwie nicht wirklich auszahlen und auch für Überraschungen halte ich gerne mal die Augen offen aber naja manchmal merkt man gar nicht, wie sehr einem etwas fehlt, weil es bereits zur Normalität geworden ist. Man hat sich daran gewöhnt und vermisst es gar nicht mehr… bis zu diesem einem Augenblick. Den man nicht herbeisehnen oder planen kann, er passiert einfach.

Heute habe ich also dann meine Chance genutzt und bin bei recht schönem Wetter in die Innenstadt geradelt und wollte „nur eben schnell“ ein Paket bei der Post abholen. Auf einmal stand ich mitten in der Fußgängerzone und dachte mir so, dass ich ja auch mal eine Runde drehen könnte, wenn ich schon einmal hier bin und 5 Minuten später stand ich vor meinem liebsten Unterwäscheladen und war selbst irgendwie etwas verdutzt, dass mein Weg mich recht schnell hierhin geführt hatte. Vor meiner Diagnose im Januar 2016 war ich tatsächlich das letzte Mal shoppen und ich gebe zu, dass ich auch schon den ein oder anderen Euro in diesem Laden gelassen habe. Was soll ich sagen „Ich bin so froh, dass ich ein Määädchen bin…!“ Aber dann war auf einmal alles anders. Während der Chemo ist es durchaus ratsam sich eher bequem und nicht ganz so schick anzuziehen, schließlich könnte ja was daneben gehen und das Zeug möchte man einfach auch nicht auf seinen Klamotten haben. Nach der OP gab es dann die Anordnung erstmal nur enge Sport-BHs zu tragen und irgendwie hat sich da auch ein unschönes Körpergefühl eingeschlichen. Zunächst waren es „nur“ die Narben aber dann kam die Thrombose und auf einmal hieß es, dass ich den Strumpf immer tragen müsse. Ganz nebenbei hatte ich während der Chemo ordentlich zugelegt und von meinem fitten Körper war bald irgendwie nicht mehr so viel zu sehen. Zumindest empfand ich das so… Herzlichen Dank an dieser Stelle auch an meinen Stoffwechsel, der ja jetzt meint, er wäre in den Wechseljahren und könne einfach so Fettpölsterchen bilden, die einfach nicht mehr wegwollen. Na wartet, ich krieg Euch irgendwann auch noch!

Das Sanitätshaus in dem ich meine Kompressionsstrümpfe kaufte, war irgendwie auch keine große Hilfe auf der Suche nach einem neuen „jungen“ BH. Hier habe ich auf meine Nachfrage die Antwort bekommen „Oh ne für Sie haben wir nichts, Sie haben ja noch beide Brüste!“ Öh ahso, ja jut aber Gewebe und Lymphknoten sind ja trotzdem entfernt worden ne. Irgendwann möchte man dann aber auch jetzt nicht mehr mit Hinz und Kunz an der Ladentheke über die genauen Details reden und so bin ich entschwunden und habe mich mit meinen vorhandenen Sport-BHs arrangiert. Bis eben heute… whoop whoop…

Irgendwie war mir schon echt etwas mulmig aber umdrehen war mir jetzt auch zu blöd, also bin ich einfach mal reingeschlendert und hab erstmal so getan als wenn ich erst letzte Woche noch hier war. Schnell stand ich inmitten von schlanken narbenfreien Frauen etwas hilflos in der Gegend rum. Eine gewisse Reizüberflutung kann ich ehrlich gesagt nicht leugnen aber als ich dann die Sport-BHs entdeckt habe, bin ich dort erst einmal ganz begeistert hingestürmt. Bei dem Thema kenne ich mich schließlich aus. Aber in der Umkleide habe ich festgestellt, dass auch die eben halt nicht wirklich hübsch sind, funktionell ohne Frage, bequem sicherlich aber neee… irgendwie wollte ich etwas anderes. Die nette Verkäuferin hat wohl mein bedröppeltes Gesicht gesehen und mir ihre Hilfe angeboten und schwups war geklärt, was ich gerne hätte und ich stand mal wieder halbnackig in einem Raum aber diesmal war er warm und nicht ganz so grell ausgeleuchtet. Das einzige was leuchtete war die noch recht gereizte Narbe von meinem Port und ich habe mich wieder einmal gefragt, wie genau der nette Chirurg es wohl gemeint hat, als er mir erzählte, dass er den Schnitt so setzen würde, dass ich ihn später ganz easy unter dem BH verstecken könne. Neeee das klappt irgendwie nicht so gut, da stimmt was nicht!

Nun ja, einige Minuten später kam die Verkäuferin mit einigen BHs in meine Umkleide und hielt sie mir freudestrahlend entgegen. „Oh nee, ich glaube die kann ich nicht tragen, ich brauche eher so Funktionelle wissen sie?! Auch wegen dem Lymphstau der entstehen kann. Sie lächelte und meinte, ich solle sie ruhig mal probieren. Gesagt getan und als sie wieder ihren Kopf in meine Kabine steckte, guckte ich ganz selbstverliebt in den Spiegel und da war es auch schon wieder soweit… Tränen kullerten meine Wagen runter. Aber diesmal waren es keine Tränen der Angst oder der Wut. Panik verspürte ich auch nicht, ganz im Gegenteil, ich war überwältig vor Glück und Freude daran, dass ich mir wieder etwas zurückgeholt habe, was der Krebs mir genommen hat. Das Gefühl meinen Körper zu mögen, mit all seinen Narben, Fettpölsterchen und sogar den ollen Kompressionsstrümpfen und ihm endlich auch nach außen wieder strahlen zu lassen. Mein Herz strahlt ja schon etwas länger wieder aber wenn mir Menschen in den letzten Monaten gesagt haben, dass ich gut aussehe, konnte ich das nie annehmen. Für mich hat sich das ganz anders angefühlt, bevor ich krank wurde, ja da war alles gut. Aber nach der OP empfand ich mich nicht mehr als schön und schon gar nicht anziehend und ich war so überhaupt nicht im Reinen mit meinem Körper. Aber meine Aufmerksamkeit war zunächst auf andere Dinge gelenkt. Erst kam die Thrombose und dann die Panikattacken, die Depression und der Zusammenbruch und so habe ich gar nicht gemerkt, wie ich immer mehr verloren habe. Bis zu diesem Moment wo ich mich selbst im Spiegel gesehen habe, der neue BH glitzerte, die Narben mir ein Gefühl von Stolz gaben und die Pölsterchen nur ein Schulterzucken ausgelöst haben. Da war wirklich kein Halten mehr und ach aus Freude weinen ist ja auch einfach so viel schöner! Die Verkäuferin hat mich übrigens wissend angelächelt und mir ohne Worte ein Taschentuch gereicht. Was mich nur noch mehr zu Tränen gerührt hat.

Brustkrebs ist ein mega großes Arschloch, das steht außer Frage aber er kann uns Frauen auch auf eine ganz besondere Weise verbinden. Wir müssen es nur zulassen und vor allen Dingen, müssen wir aufhören uns selbst zu geißeln weil wir ein paar Kilos zuviel haben. Das Leben und vor allen Dingen die Ernährung und der Sport sollen Spaß machen! Das gilt ja übrigens auch für die Herren… ich sachs nur mal so ne. Jeder Mensch ist schön und wertvoll (und es gibt echt keinen Grund in ollen BHs rumzulaufen. 😉 ) Fühlt Euch gedrückt!

4 Gedanken zu “Embrace

  1. Silke

    Uih, beim Lesen habe ich jetzt ein Tränchen verdrückt. Ich freue mich aber umsomehr, dass Du einen schönen BH gefunden hast, ich weiß ganz genau, wie Du Dich gefühlt hast. Drück Dich😘

    Gefällt 1 Person

  2. Stephi

    Beim Lesen hatte ich direkt Pipi in den Augen. Wie schön, dass auch du dich endlich wieder schön findest!! Das bist du nämlich! Von innen, von aussen, mit allem drum und dran. SCHMATZER!

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